Neue Quantenschaltkreise zu entwerfen, galt bisher als Geduldsspiel für spezialisierte Forschungsteams — oft über Jahre. Anthropic zeigt in einer am 16. Oktober 2026 veröffentlichten Forschungsarbeit, dass sich dieser Prozess drastisch verkürzen lässt: Das hauseigene Forschungsmodell Claude Mythos 5 hat acht Quanten-Rechenbausteine verbessert — bei einem davon brauchte es dafür nur 53 Stunden mit minimalem menschlichem Eingriff.
WIE CLAUDE DABEI VORGEHT
Der Ablauf ist eine geschlossene Schleife ganz ohne Zwischenstopp durch Menschen: Claude schlägt einen Schaltkreis-Entwurf in Python vor, ein Programm prüft automatisch dessen Korrektheit, und eine Bewertungsfunktion aus Qubit-Zahl multipliziert mit Gate-Zahl liefert die Rückmeldung für den nächsten Versuch. Diesen Zyklus wiederholt das Modell eigenständig, bis sich keine Verbesserung mehr einstellt — Anthropic beschreibt das Projekt als Teil des hauseigenen STEM Fellows Program, geleitet von Andi Gu, mit Unterstützung des Anthropic-Quantenphysikers Alek Kemeny sowie externer Kooperation mit Susanne Yelin und Mikhail Lukin von Harvard und QuEra.
DIE KONKRETEN ZAHLEN
Bei der sogenannten Punktaddition auf elliptischen Kurven — einem Baustein, der für kryptografisch relevante Quantenalgorithmen zentral ist — fand Claude eine neue Familie von Schaltkreis-Designs. Eines davon braucht 12 Prozent mehr Qubits, dafür aber 17-mal weniger Gates als bisherige Designs — und erweitert damit die sogenannte Pareto-Front in einen Bereich, der vorher als technisch nicht erreichbar galt.
Noch deutlicher fällt das Ergebnis bei einem Reed-Solomon-Decoder aus, der für ein Verfahren namens Decoded Quantum Interferometry gebraucht wird: Hier kommt Claudes Entwurf mit 12-mal weniger Gates aus als die bisher beste bekannte Lösung — die zuvor von Googles Quantum-AI-Team stammte. Gleichzeitig sinkt der Speicherbedarf für Ausnahmefälle von 665 auf nur noch 19 Qubits, bei einer Zuverlässigkeit, nach der nur etwa einer von 10.000 Durchläufen mehr Speicher braucht als vorgesehen.
ZUM VERGLEICH: WAS SOLCHE FORTSCHRITTE SONST DAUERN
Anthropic zieht in der Veröffentlichung einen historischen Vergleich heran: Bei der Simulation des Enzym-Moleküls FeMoco brauchte die Forschungsgemeinschaft acht Jahre, um den nötigen Rechenaufwand von 50 Billionen auf 340 Millionen sogenannte Toffoli-Gates zu drücken — eine Verbesserung um den Faktor 150.000. Dass ein KI-Modell bei einzelnen, enger gefassten Bausteinen heute innerhalb von Stunden statt Jahren zu vergleichbar sprunghaften Verbesserungen kommt, ist der eigentliche Kern der Meldung — nicht, dass FeMoco selbst neu berechnet wurde.
WARUM DAS AUCH FÜR VERSCHLÜSSELUNG WICHTIG IST
Die Punktaddition auf elliptischen Kurven ist kein Nischenthema: Sie ist der Rechenkern, den Quantenalgorithmen zur Lösung des diskreten Logarithmusproblems brauchen — genau jenes Problems, auf dem die heute übliche ECC-Verschlüsselung (etwa bei TLS-Zertifikaten) beruht. Effizientere Schaltkreise senken den Ressourcenbedarf für solche Angriffe und könnten die Zeitlinie verkürzen, bis ein ausreichend großer Quantencomputer ECC praktisch gefährden würde. Wichtig: Claude hat damit keine Verschlüsselung gebrochen — die Arbeit verbessert nur die theoretische Schaltkreis-Effizienz, nicht die verfügbare Quantenhardware, die für einen echten Angriff um Größenordnungen fehlt.
EINORDNUNG: FORSCHUNG, KEIN PRODUKT
Die Arbeit ist als Preprint unter arXiv:2610.22367 erschienen und richtet sich an die Quantencomputing-Fachwelt, nicht an Endanwender. Für Leser außerhalb der Forschung ist vor allem die Methode interessant: Ein KI-Modell, das in einem geschlossenen Kreislauf aus Vorschlag, automatischer Prüfung und Bewertung über Stunden hinweg eigenständig an einem engen technischen Problem arbeitet und dabei jahrelange menschliche Forschung einholt oder übertrifft.