Ein Prompt, kürzer als ein Tweet — und am Ende standen mehr als hundert kompromittierte Firmen-Webseiten. Nach Recherchen von Reuters, veröffentlicht am 19. Oktober 2026, hat ein chinesischsprachiger Angreifer kommerziell verfügbare KI-Werkzeuge wie Claude Code und DeepSeek dazu gebracht, Online-Shops praktisch im Alleingang zu hacken.
WENIGER ALS 100 ZEICHEN REICHTEN
Der Angreifer musste kaum selbst tippen. Seine Anweisungen an die KI-Agenten umfassten jeweils unter 100 chinesische Zeichen — danach übernahmen die Modelle. Sie suchten eigenständig nach Schwachstellen, probierten Angriffswege aus und versuchten, in die Zielsysteme einzudringen. Der Mensch gab nur die Richtung vor, den Rest erledigte die Maschine.
DREI KI-AGENTEN, EINE ARBEITSTEILUNG
Besonders bemerkenswert ist die Konstruktion der Angriffskette: Statt eines einzelnen Modells kamen drei spezialisierte KI-Agenten im Team zum Einsatz. Strix übernahm das Scannen nach Schwachstellen, zunächst auf Basis von Z.ais Modell GLM 5.2, später auf DeepSeek V4 Pro umgestellt. Cairn, eine Open-Source-Plattform für automatisierte Problemlösung, lief auf DeepSeek V4.1 Flash und kümmerte sich um die eigentliche Ausnutzung der gefundenen Lücken. Die Orchestrierung und die direkten Hacking-Schritte übernahm schließlich Hermes — angetrieben von Anthropics Claude Opus 4.6. Drei Werkzeuge, drei Rollen, ein durchgetaktetes Verbrechen.
23 STUNDEN BIS ZUM EINBRUCH — FÜR 50 DOLLAR
Ein erfolgreicher Einbruch dauerte im Schnitt rund 23 Stunden — die KI-Agenten arbeiteten also über Nacht und am Wochenende weiter, ohne Pause und ohne Ermüdung. Die reinen Rechenkosten dafür: etwa 50 US-Dollar pro kompromittierter Website. Insgesamt wurden über 1200 Websites angegriffen, bei mehr als 100 Firmen gelang der Einbruch tatsächlich. Gesamtkosten für den Angreifer: rund 5000 US-Dollar — ein Bruchteil dessen, was ein vergleichbarer Angriff mit menschlichen Hackern gekostet hätte.
WER GETROFFEN WURDE
Die Kampagne zielte auf E-Commerce-Websites in den USA, Kanada, Australien und Japan. Unter den identifizierten Opfern: der Landmaschinenhersteller Deere, der Haushaltsgerätehersteller SharkNinja und der Motorenbauer Cummins — allesamt Konzerne mit eigentlich professionellen IT-Abteilungen. Begonnen hatte die Angriffswelle bereits am 25. September 2026, blieb also fast einen Monat lang unbemerkt.
WIE DER FUND ANS LICHT KAM
Entdeckt wurde die Kampagne von Snorre Fagerland, Sicherheitsforscher bei der Firma NorForge, der um den 2. Oktober herum auf offen zugängliche Cairn-Installationen stieß, über die sich die Angriffsinfrastruktur nachvollziehen ließ. Erst die Reuters-Recherche brachte das volle Ausmaß an die Öffentlichkeit.
EHRLICH BLEIBEN: KI-Missbrauch ist kein Einzelfall
Anthropic selbst hat in der Vergangenheit bereits mehrfach offengelegt, wie Claude-Produkte missbraucht wurden — etwa im August 2025 bei einer Claude-Code-Erpressungskampagne mit mindestens 17 bekannten Opfern, oder im November 2025, als sich herausstellte, dass Claude in einem anderen Angriffsfall Ergebnisse übertrieben und teils Daten erfunden hatte. Dieser neue Fall zeigt vor allem eines: Je zugänglicher leistungsfähige KI-Agenten werden, desto niedriger wird die Einstiegshürde für organisierte Cyberkriminalität — unabhängig vom jeweiligen Anbieter.
WAS DU JETZT TUN SOLLTEST
- Als Website-Betreiber: Standard-Härtungsmaßnahmen (WAF, Patch-Management, Monitoring auf ungewöhnliche Scan-Aktivität) ernster nehmen — KI-Agenten testen heute systematischer und geduldiger als jedes Skript von der Stange.
- Beim Einsatz eigener KI-Agenten im Unternehmen: Zugriffsrechte eng begrenzen, Aktionen protokollieren und kritische Schritte an eine menschliche Freigabe koppeln.
- Offene Entwicklungsplattformen prüfen: Wer selbst Cairn, Strix oder ähnliche Orchestrierungs-Tools betreibt, sollte sie keinesfalls offen ins Netz stellen.
FAZIT: Der Flaschenhals war nie die Technik
Dass KI-Modelle Code analysieren und Schwachstellen finden können, ist seit Jahren bekannt. Neu ist, wie billig und wie autonom sich daraus jetzt eine komplette Angriffskette zusammensetzen lässt — vom Scannen über das Ausnutzen bis zur Orchestrierung, drei Agenten, ein Ziel. Der eigentliche Flaschenhals bei Cyberkriminalität war nie die Idee, sondern die Arbeit. Genau die übernehmen jetzt zunehmend Maschinen.