#Künstliche Intelligenz · 4 Min. Lesezeit · Tim Rinkel

GEKNACKT! Claude löst ein 25 Jahre altes NSA-Rätsel um die NIST-Kurven — in unter 30 Minuten

GEKNACKT! Claude löst ein 25 Jahre altes NSA-Rätsel um die NIST-Kurven — in unter 30 Minuten

Seit einem Vierteljahrhundert rätselt die Kryptografie-Welt, woher die Zufallswerte hinter den NIST-Elliptischen-Kurven eigentlich stammen. Die Kurven stecken in TLS, SSH, Bitcoin-Signaturen und praktisch jedem HTTPS-Zertifikat weltweit. Jetzt hat Claude die Antwort gefunden — in unter 30 Minuten.

WARUM DAS RÄTSEL ÜBERHAUPT EXISTIERT

1997 veröffentlichte das US-Standardisierungsinstitut NIST eine Reihe elliptischer Kurven für digitale Signaturen — darunter P-192, P-224, P-256, P-384 und P-521. Jede Kurve wurde mit einem Hash eines zufälligen Seeds erzeugt, der angeblich keine Hintertür enthält. Das Problem: Niemand hat je verraten, woher diese Seeds kamen. Seit den Snowden-Enthüllungen 2013 steht der Verdacht im Raum, die NSA könnte die Seeds absichtlich so gewählt haben, dass eine schwache Kurve herauskommt — eine eingebaute Hintertür für jeden, der das Geheimnis kennt.

SO GING CLAUDE DIE SACHE AN

Anthropic ließ ein internes Forschungsmodell auf das Problem ansetzen. Der erste Fund: Bei vier der zehn Seeds stand in allen 20 Wörtern eine Null im obersten Bit — ein Muster, das nach Zufall eine Wahrscheinlichkeit von nur 1 zu 5.810 hat. Das roch nach einem Pseudozufallsgenerator, keinem echten Zufall.

Claude erkannte darin die Signatur von lrand48, einer C-Bibliotheksfunktion aus den 1990ern, die nur die oberen 31 Bit eines 48-Bit-Zustands zurückgibt. Für die kleineren Primzahl-Kurven reichte das, um per Gitterreduktion (LLL-Algorithmus) den internen Zustand des Generators komplett zu rekonstruieren — ein klassisches Gitterproblem aus dem Kryptografie-Lehrbuch, nur eben automatisiert gelöst.

DIE ZEITSTEMPEL ALS BEWEIS

Weil der Generator mit einem festen Startwert läuft, ließ sich sein Zustand einfach rückwärts abspulen — bis zum ursprünglichen Startzeitpunkt. Das Ergebnis: Alle fünf rekonstruierten Primzahl-Seeds stammen aus Unix-Zeitstempeln zwischen Mai 1997 und April 1998. P-192 wurde demnach am 18. Mai 1997 erzeugt, P-256 am 16. August 1997, P-521 erst im August 1998. Keine Verschwörung, kein Hinweis auf eine gezielte Manipulation — nur ein Programmierer, der die Systemuhr als Zufallsquelle nahm, wie es in den 90ern üblich war.

WARUM DAS DEIN VERTRAUEN STÄRKEN SOLLTE, NICHT SCHWÄCHEN

Hier liegt die eigentliche Pointe: Eine absichtlich geschwächte Kurve hätte vermutlich keine so banale, nachvollziehbare Spur hinterlassen. Wer eine Hintertür einbauen will, sucht sich gezielt einen passenden Seed aus Millionen Möglichkeiten — er tippt nicht einfach die aktuelle Uhrzeit in einen Taschenrechner. Die Entdeckung spricht also eher gegen die seit Jahren kursierende NSA-Backdoor-These, als dass sie sie bestätigt.

Ganz gelöst ist das Rätsel trotzdem nicht: Ein Seed für die binäre Kurve B-163 blieb unerklärt, ebenso die Basispunkte mehrerer Kurven. Die stammen offenbar aus einem anderen Werkzeug, dem FreeLIP-Generator des Mathematikers Arjen Lenstra — warum aber genau diese Werte gewählt wurden und nicht benachbarte, ebenfalls gültige Alternativen, bleibt offen.

ANTHROPIC SPENDET DAS BOUNTY-GELD

Die Entdeckung lief im Rahmen eines Forschungsprojekts, nicht als klassisches Bug-Bounty-Programm — trotzdem hat Anthropic 36.864 US-Dollar an die Internet Security Research Group gespendet, die Organisation hinter dem kostenlosen Zertifikatsdienst Let’s Encrypt. Eine Geste, die zeigt, wo das Projekt seine Wurzeln als Internet-Infrastruktur-Grundlagenforschung sieht.

WAS DAS FÜR DEINEN HOMELAB-ALLTAG BEDEUTET

Direkt handeln musst du nicht — deine TLS-Zertifikate, dein SSH-Schlüssel oder dein VPN ändern sich durch diese Entdeckung nicht. Spannend ist sie trotzdem: Sie zeigt, wie weit KI-gestützte Kryptoanalyse inzwischen reicht. Ein Rätsel, an dem Forscher seit 1997 kratzten, war für ein Sprachmodell eine Halbe-Stunden-Aufgabe. Das wirft die Frage auf, welche anderen alten Kryptografie-Annahmen gerade neu vermessen werden — mit Werkzeugen, die es vor zwei Jahren noch nicht gab.

Häufige Fragen

Ist eine meiner NIST-Kurven jetzt unsicher?
Nein. Die Entdeckung ändert nichts an der mathematischen Sicherheit von P-256 und den anderen NIST-Kurven. Sie klärt nur deren Herkunft und spricht eher gegen eine absichtliche Schwächung durch die NSA.
Wie hat Claude das technisch gemacht?
Claude erkannte ein verräterisches Bitmuster des alten C-Zufallsgenerators lrand48, rekonstruierte per Gitterreduktion (LLL-Algorithmus) dessen internen Zustand und spulte ihn bis zum ursprünglichen Startzeitpunkt zurück.
Was bedeutet das für die NSA-Backdoor-Theorie?
Die simplen, auf Unix-Zeitstempel zurückführbaren Seeds sprechen gegen eine gezielte Manipulation. Eine echte Hintertür wäre aus einer riesigen Zahl möglicher Seeds gezielt ausgewählt worden, nicht einfach die Uhrzeit.
Ist das Rätsel jetzt komplett gelöst?
Nein. Ein Seed für die binäre Kurve B-163 und mehrere Basispunkte bleiben weiterhin ungeklärt.

Quellen

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