Ein Videoanruf klingelt. Du gehst ran. Und in diesem Moment übernimmt jemand den Kern deines Handys.
Was nach Kinofilm klingt, hat das israelische Forscherteam von SSD Secure Disclosure am 17. August in einem Advisory beschrieben — für Smartphones mit Unisoc-Chipsatz. Und die unangenehmste Nachricht steht ganz am Ende: Einen Patch gibt es nicht.
SO FUNKTIONIERT DIE KETTE — in zwei Stufen
Der Angriff ist keine einzelne Lücke, sondern eine Kombination aus zwei Bausteinen, die über Monate hinweg offengelegt wurden:
Stufe 1 (März 2026): SSD veröffentlichte Code-Ausführung im Modem — ausgelöst durch einen manipulierten SIP-Videoanruf. Das Modem ist der Funkchip, der das Telefonat abwickelt. Er läuft mit eigener Firmware, weitgehend unsichtbar für den Nutzer.
Stufe 2 (17. August 2026): Jetzt kommt der Ausbruch aus dem Modem heraus. Und der ist erschreckend simpel gebaut.
DAS EIGENTLICHE PROBLEM: eine fehlende Wand
Zwischen Modem-Speicher und Kernel-Speicher fehlt eine saubere Trennung. Zuständig für diese Trennung ist die Memory Protection Unit (MPU) — eine Art Türsteher, der festlegt, welcher Speicherbereich für wen zugänglich ist.
Der Haken: Die erste Speicherregion (ID 0) lässt sich in ihren Schutzeinstellungen abschalten. Wer das schafft, bekommt uneingeschränkten Lese- und Schreibzugriff auf den physischen Speicher — und kann damit am Ende sogar Kernel-Code verändern.
Übersetzt: Der Türsteher lässt sich vom Gast selbst nach Hause schicken.
ENTWARNUNG? Die Hürden sind hoch
Und hier kommt der Teil, den seriöse Einordnung braucht. Damit die Kette komplett durchläuft, müssen zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein:
- Der Angreifer muss ein eigenes, privates 4G-Mobilfunknetz kontrollieren. Das bedeutet Hardware vor Ort und physische Nähe zum Ziel.
- Das Opfer muss den eingehenden Videoanruf annehmen.
Das ist kein Angriff, der massenhaft über das Internet läuft. Das ist ein Werkzeug für gezielte Angriffe — auf eine bestimmte Person, an einem bestimmten Ort. Für die allermeisten Menschen ist das Risiko im Alltag gering.
Gering heißt aber nicht null. Und für Journalistinnen, Aktivisten oder Menschen in Grenzregionen sieht die Rechnung anders aus.
WELCHE GERÄTE BETROFFEN SIND
SSD nennt in seinem Advisory unter anderem zwei konkrete Geräte:
- Xiaomi Redmi A5 mit Sicherheits-Patchstand 1. Januar 2026
- Motorola E13 mit Sicherheits-Patchstand 1. Februar 2025
Beides sind Einsteigergeräte. Und das ist der eigentliche Kern der Geschichte: Unisoc-Chips stecken vor allem in günstigen Smartphones, die in großen Stückzahlen verkauft werden — und die selten lange Sicherheitsupdates bekommen. Die vollständige Liste betroffener Modelle liegt nicht vor.
DER HERSTELLER SCHWEIGT
SSD schreibt in seinem Advisory, man habe über mehrere Kanäle versucht, den Hersteller zu erreichen — per E-Mail und über LinkedIn — habe aber keine Rückmeldung erhalten. Ein Firmware-Update, das die Lücke schließt, wird in der Veröffentlichung nicht genannt.
Das ist der unbefriedigende Teil: Es gibt aktuell nichts zu installieren.
WAS DU TROTZDEM TUN KANNST
- Videoanrufe von unbekannten Nummern nicht annehmen. Klingt banal, ist hier aber der wirksamste Hebel — ohne angenommenen Anruf läuft die Kette nicht durch.
- VoLTE deaktivieren, wenn du es nicht brauchst. In den Android-Einstellungen unter „Netzwerk und Internet“ bei den Optionen deiner SIM-Karte zu finden. Kostet Komfort, schließt aber den Einstiegspunkt.
- Sicherheitsupdates installieren, sobald welche kommen — auch wenn für diese konkrete Lücke bislang keine in Sicht sind.
- Beim nächsten Handykauf auf den Chipsatz schauen. Wer Wert auf lange Update-Versorgung legt, findet bei Herstellern mit klaren Update-Zusagen die deutlich bessere Rechnung.
FAZIT: kein Grund zur Panik, aber ein hartes Signal
Für den Alltag ist das Risiko überschaubar — der Angriff braucht Aufwand, Hardware und Nähe. Trotzdem bleibt eine unbequeme Wahrheit stehen: Ein Bauteil, das jeder von uns täglich nutzt und das praktisch niemand kontrollieren kann, hat eine Schutzgrenze, die sich abschalten lässt. Und der Hersteller reagiert nicht.