#Netzwerk & Sicherheit · 5 Min. Lesezeit · Tim Rinkel

ANRUF GENÜGT! Ein Videoanruf reißt Billig-Handys bis in den Kernel auf — und ein Patch fehlt

ANRUF GENÜGT! Ein Videoanruf reißt Billig-Handys bis in den Kernel auf — und ein Patch fehlt

Ein Videoanruf klingelt. Du gehst ran. Und in diesem Moment übernimmt jemand den Kern deines Handys.

Was nach Kinofilm klingt, hat das israelische Forscherteam von SSD Secure Disclosure am 17. August in einem Advisory beschrieben — für Smartphones mit Unisoc-Chipsatz. Und die unangenehmste Nachricht steht ganz am Ende: Einen Patch gibt es nicht.

SO FUNKTIONIERT DIE KETTE — in zwei Stufen

Der Angriff ist keine einzelne Lücke, sondern eine Kombination aus zwei Bausteinen, die über Monate hinweg offengelegt wurden:

Stufe 1 (März 2026): SSD veröffentlichte Code-Ausführung im Modem — ausgelöst durch einen manipulierten SIP-Videoanruf. Das Modem ist der Funkchip, der das Telefonat abwickelt. Er läuft mit eigener Firmware, weitgehend unsichtbar für den Nutzer.

Stufe 2 (17. August 2026): Jetzt kommt der Ausbruch aus dem Modem heraus. Und der ist erschreckend simpel gebaut.

DAS EIGENTLICHE PROBLEM: eine fehlende Wand

Zwischen Modem-Speicher und Kernel-Speicher fehlt eine saubere Trennung. Zuständig für diese Trennung ist die Memory Protection Unit (MPU) — eine Art Türsteher, der festlegt, welcher Speicherbereich für wen zugänglich ist.

Der Haken: Die erste Speicherregion (ID 0) lässt sich in ihren Schutzeinstellungen abschalten. Wer das schafft, bekommt uneingeschränkten Lese- und Schreibzugriff auf den physischen Speicher — und kann damit am Ende sogar Kernel-Code verändern.

Übersetzt: Der Türsteher lässt sich vom Gast selbst nach Hause schicken.

ENTWARNUNG? Die Hürden sind hoch

Und hier kommt der Teil, den seriöse Einordnung braucht. Damit die Kette komplett durchläuft, müssen zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein:

  1. Der Angreifer muss ein eigenes, privates 4G-Mobilfunknetz kontrollieren. Das bedeutet Hardware vor Ort und physische Nähe zum Ziel.
  2. Das Opfer muss den eingehenden Videoanruf annehmen.

Das ist kein Angriff, der massenhaft über das Internet läuft. Das ist ein Werkzeug für gezielte Angriffe — auf eine bestimmte Person, an einem bestimmten Ort. Für die allermeisten Menschen ist das Risiko im Alltag gering.

Gering heißt aber nicht null. Und für Journalistinnen, Aktivisten oder Menschen in Grenzregionen sieht die Rechnung anders aus.

WELCHE GERÄTE BETROFFEN SIND

SSD nennt in seinem Advisory unter anderem zwei konkrete Geräte:

  • Xiaomi Redmi A5 mit Sicherheits-Patchstand 1. Januar 2026
  • Motorola E13 mit Sicherheits-Patchstand 1. Februar 2025

Beides sind Einsteigergeräte. Und das ist der eigentliche Kern der Geschichte: Unisoc-Chips stecken vor allem in günstigen Smartphones, die in großen Stückzahlen verkauft werden — und die selten lange Sicherheitsupdates bekommen. Die vollständige Liste betroffener Modelle liegt nicht vor.

DER HERSTELLER SCHWEIGT

SSD schreibt in seinem Advisory, man habe über mehrere Kanäle versucht, den Hersteller zu erreichen — per E-Mail und über LinkedIn — habe aber keine Rückmeldung erhalten. Ein Firmware-Update, das die Lücke schließt, wird in der Veröffentlichung nicht genannt.

Das ist der unbefriedigende Teil: Es gibt aktuell nichts zu installieren.

WAS DU TROTZDEM TUN KANNST

  • Videoanrufe von unbekannten Nummern nicht annehmen. Klingt banal, ist hier aber der wirksamste Hebel — ohne angenommenen Anruf läuft die Kette nicht durch.
  • VoLTE deaktivieren, wenn du es nicht brauchst. In den Android-Einstellungen unter „Netzwerk und Internet“ bei den Optionen deiner SIM-Karte zu finden. Kostet Komfort, schließt aber den Einstiegspunkt.
  • Sicherheitsupdates installieren, sobald welche kommen — auch wenn für diese konkrete Lücke bislang keine in Sicht sind.
  • Beim nächsten Handykauf auf den Chipsatz schauen. Wer Wert auf lange Update-Versorgung legt, findet bei Herstellern mit klaren Update-Zusagen die deutlich bessere Rechnung.

FAZIT: kein Grund zur Panik, aber ein hartes Signal

Für den Alltag ist das Risiko überschaubar — der Angriff braucht Aufwand, Hardware und Nähe. Trotzdem bleibt eine unbequeme Wahrheit stehen: Ein Bauteil, das jeder von uns täglich nutzt und das praktisch niemand kontrollieren kann, hat eine Schutzgrenze, die sich abschalten lässt. Und der Hersteller reagiert nicht.

Häufige Fragen

Welche Handys sind von der Unisoc-Lücke betroffen?
SSD Secure Disclosure nennt im Advisory unter anderem das Xiaomi Redmi A5 mit Patchstand Januar 2026 und das Motorola E13 mit Patchstand Februar 2025. Eine vollständige Modell-Liste wurde nicht veröffentlicht. Betroffen sind grundsätzlich Geräte mit Unisoc-Modemfirmware, die vor allem im Einsteiger-Segment verbaut wird.
Kann mich jemand einfach so über das Internet angreifen?
Nein. Die Angriffskette setzt voraus, dass der Angreifer ein eigenes privates 4G-Mobilfunknetz kontrolliert und dass du den eingehenden Videoanruf annimmst. Beides zusammen bedeutet Hardware-Aufwand und räumliche Nähe. Das macht den Angriff zu einem Werkzeug für gezielte Aktionen, nicht für breite Kampagnen.
Gibt es einen Patch von Unisoc?
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht. SSD Secure Disclosure gibt an, den Hersteller über E-Mail und LinkedIn kontaktiert, aber keine Antwort erhalten zu haben. In der Veröffentlichung wird kein Firmware-Update genannt, das die Schwachstelle behebt. Ob und wann ein Fix kommt, ist offen.
Hilft es, VoLTE abzuschalten?
Ja, das schließt den beschriebenen Einstiegspunkt, weil die Kette über einen VoLTE-Videoanruf startet. Die Option findest du in den Android-Einstellungen bei den SIM-Karten-Optionen. Der Preis ist Komfort: Ohne VoLTE fällt die mobile Datenverbindung während eines Telefonats auf ältere Technik zurück und die Sprachqualität sinkt.

Quellen

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