#Netzwerk & Sicherheit · 5 Min. Lesezeit · Tim Rinkel

LESEZEICHEN-FALLE! Diese Erweiterung macht deinen Browser zur Fernsteuerung für Fremde

LESEZEICHEN-FALLE! Diese Erweiterung macht deinen Browser zur Fernsteuerung für Fremde

Die meisten Schadprogramme wollen irgendwann raus aus dem Browser. Dieses hier will hinein — und bleiben. Sicherheitsforscher von SOCRadar haben am 7. September einen Baukasten beschrieben, der sich als harmlose Lesezeichen-Erweiterung ausgibt und den Browser danach als dauerhafte Hintertür in den Rechner benutzt. Der Name im Quellcode: PEEP.

Das Tarnkleid ist bewusst langweilig gewählt. Die Erweiterung nennt sich schlicht „Smart Bookmarks“ und trägt die ID ejkndncpkdcjcikfhiamcdehdoegilbj. Wer sie in der Liste seiner Add-ons sieht, denkt an ein Werkzeug zum Sortieren von Favoriten.

DER TRICK: Am Web Store komplett vorbei

PEEP wird nicht installiert, wie du eine Erweiterung installierst. Der Installer schreibt sie direkt in dein Chrome- oder Edge-Profil — ohne Store, ohne Nachfrage, ohne die übliche Warnbox.

Damit Chrome das schluckt, fälscht der Installer die Prüfwerte in Chromiums eigener Datei Secure Preferences. Das ist genau die Datei, mit der Chrome eigentlich erkennen soll, ob jemand von außen an der Erweiterungsliste manipuliert hat. Dazu kommen drei PowerShell-Skripte, die den Entwicklermodus einschalten, die Prüfwerte patchen und die Erweiterung auch dann wieder aktivieren, wenn du sie einmal entfernt hast.

Ein Python-Skript mit dem Namen patch_secure_prefs_linux.py liegt ebenfalls im Baukasten. Wer auch immer dahintersteckt, baut den Ablauf gerade für Linux nach.

WARUM DAS SCHLIMMER IST ALS EIN NORMALER SCHNÜFFLER

Eine bösartige Erweiterung kann normalerweise das, was der Browser kann: Seiten lesen, Cookies mitnehmen, Verlauf abgreifen. PEEP kann mehr. Es bringt eine zweite Datei mit, nm_host.exe, und verbindet sich über Chromes offizielle Schnittstelle Native Messaging mit ihr.

Damit ist die Grenze zwischen Browser und Betriebssystem weg. Über diese Brücke laufen Shell-Befehle, Dateiverwaltung und die Suche nach laufenden Prozessen und Diensten — alles mit deinen Rechten. SOCRadar formuliert es so: Weil die Logik im signierten Browser-Prozess läuft, greifen die üblichen Alarme auf neue oder unsignierte Programme nicht.

WAS PEEP ABZIEHT — UND WIE OFT

Alle 30 Sekunden fragt die Erweiterung ihren Steuerserver nach neuen Aufträgen. Sie tut das über schlichtes, unverschlüsseltes HTTP. Zwei Adressen sind bekannt: die IP 206.237.30[.]232 und die Domain xfjcc[.]fun.

Automatisch abgeholt werden Cookies, kürzlicher Verlauf, offene Tabs, die gerade aktive Adresse, die öffentliche IP, Sprache und Zeitzone. Auf Zuruf kommen Screenshots, Zwischenablage, eingeschleustes JavaScript und veränderte Webseiten dazu.

DIE HERKUNFT: Ein Red-Team-Werkzeug, weitergebaut

PEEP ist keine Neuentwicklung. Es sitzt auf RedExt auf, einem quelloffenen Baukasten für Browser-Analyse und legitime Angriffssimulationen. Ergänzt wurden eigene Installationsroutinen, die Brücke ins Betriebssystem, ein Lebenszeichen-Kanal, ein Update-Weg und deutlich mehr Befehle.

Zur Urheberschaft gibt es keine belastbare Zuordnung. Im Quelltext stehen chinesischsprachige Spuren, mehr sagt SOCRadar nicht. Kurios: An mehreren Stellen taucht der Hinweis auf „autorisierte CTF-Nutzung“ auf — möglicherweise, um KI-Werkzeuge beim Bauen des Codes zu einer harmloseren Einschätzung zu bewegen.

WIE GROSS IST DAS WIRKLICH?

Ehrlich bleiben: eher klein, jedenfalls bisher. Der Steuerserver hat einen offenen /health-Endpunkt, der ohne Login 34 Agenten-Einträge, 10 aktive Sitzungen und 507 Datensätze ausweist. Ob das echte Opfer sind oder Testeinträge des Entwicklers, lässt sich von außen nicht trennen. Wer angegriffen wird, ist unbekannt.

Der Punkt ist trotzdem nicht die Zahl. Der Punkt ist die Bauweise: Wenn dein Rechner ohnehin schon kompromittiert ist, ist der Browser das eine Programm, das dauerhaft läuft, ständig ins Internet spricht und dem jede Sicherheitssoftware vertraut.

WAS DU JETZT PRÜFEN KANNST

  • Öffne chrome://extensions beziehungsweise edge://extensions und schalte oben rechts die Entwicklermodus-Ansicht ein. Jede Erweiterung ohne Store-Herkunft ist erklärungsbedürftig.
  • Steht dort „Smart Bookmarks“, die du nie installiert hast? Entfernen — und danach prüfen, ob sie nach einem Neustart wieder da ist.
  • Schau nach der Datei nm_host.exe und nach einem Native-Messaging-Eintrag namens com.peep.lab.
  • Der Entwicklermodus im Browser gehört bei einem Rechner, auf dem du nichts entwickelst, schlicht aus.

Und die unbequeme Wahrheit zum Schluss: PEEP kommt nicht von allein auf den Rechner. Es braucht vorher Administratorrechte oder eine andere Codeausführung. Wenn du es findest, ist die Erweiterung nicht das Problem — sie ist der Beweis, dass es schon eines gab.

Häufige Fragen

Kann PEEP meinen Rechner allein infizieren?
Nein. SOCRadar beschreibt PEEP ausdrücklich als Werkzeug für die Zeit nach einem Einbruch. Der Angreifer braucht vorher Administratorrechte oder eine andere Möglichkeit, Code auszuführen. PEEP baut den bestehenden Zugang aus, es verschafft ihn nicht.
Hilft es, wenn ich nur Erweiterungen aus dem Chrome Web Store installiere?
Gegen den normalen Weg ja, gegen PEEP nicht. Der Installer umgeht den Store komplett und schreibt die Erweiterung direkt ins Profil, inklusive gefälschter Integritätswerte. Genau deshalb ist der Blick in die Erweiterungsliste wichtiger als der gute Vorsatz beim Installieren.
Bin ich mit Firefox sicher?
Vor diesem konkreten Baukasten ja, er zielt auf Chromium-Browser, also Chrome und Edge. Die Idee dahinter ist aber nicht browserspezifisch: Native Messaging gibt es auch in Firefox. Das im Quellcode gefundene Linux-Skript zeigt außerdem, dass die Entwickler bereits ausbauen.
Reicht es, die Erweiterung zu löschen?
Nein. PEEP kennt mehrere Wege zurück, unter anderem einen Registry-Eintrag, eine erzwungene Installationsrichtlinie und ein Skript, das den Eintrag wiederherstellt. Und da vorher schon jemand Codeausführung auf dem System hatte, ist Neuaufsetzen die einzig saubere Antwort.
Woran erkenne ich den Netzwerkverkehr?
PEEP meldet sich alle 30 Sekunden über unverschlüsseltes HTTP. In den bekannten Fällen ging der Verkehr an 206.237.30[.]232 oder an xfjcc[.]fun. Ein regelmäßiger Klartext-Ruf im festen 30-Sekunden-Takt fällt in jedem Router-Log auf, das lange genug mitschreibt.

Quellen

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