Manchmal ist der Unterschied zwischen sicher und sperrangelweit offen ein einziges Wort im Quellcode. Bei der Workflow-Engine Kestra heißt dieses Wort endsWith — und es hat eine Lücke mit dem Höchstwert CVSS 10.0 aufgerissen.
Noch unangenehmer: Die US-Cyberbehörde CISA hat die Schwachstelle am 2. September auf ihre Alarmliste gesetzt. Die Frist für Bundesbehörden läuft heute ab. Wenn du Kestra im Homelab oder in der Firma betreibst, ist dein Zeitfenster damit ebenfalls zu.
FÜNF BUCHSTABEN, DIE ALLES AUFMACHEN
Kestra hat einen öffentlichen Konfigurations-Endpunkt, der bewusst ohne Anmeldung erreichbar sein soll. Damit das funktioniert, prüft der AuthenticationFilter, ob der angefragte Pfad auf /configs endet — und lässt ihn dann an der Passwortabfrage vorbei.
Das Problem: Die Prüfung ist ein Endungsvergleich, kein exakter Pfadvergleich. Es reicht also, wenn irgendein API-Pfad als letztes Segment configs trägt. Wer die richtige URL zusammenbaut, spaziert an der Anmeldung vorbei — ohne Zugangsdaten, ohne Token, ohne alles.
Und dahinter wartet keine harmlose Statusseite, sondern die volle API einer Workflow-Engine. Ein Angreifer kann eigene Workflows anlegen und ausführen — und Workflows dürfen bei Kestra Befehle ausführen. Das Ergebnis ist Codeausführung als root im Worker-Container, ganz ohne Anmeldung.
GEFAHR! Die Angriffe laufen seit Ende Juni
Das ist keine Papierlücke. Microsoft hat einen Angriff dokumentiert, bei dem die Schwachstelle bereits Ende Juni 2026 ausgenutzt wurde — mit einem Ablauf, den man aus vielen Container-Einbrüchen kennt:
- Aufbau einer Reverse Shell zurück zum Angreifer
- Erkundung der Docker-Umgebung von innen heraus
- Maßnahmen zur Tarnung gegen Erkennung
- Installation eines Krypto-Miners
- Absaugen von Daten aus der Umgebung
Der Krypto-Miner ist dabei der harmlosere Teil — er macht sich immerhin bemerkbar, weil dein Server plötzlich unter Volllast läuft. Der gefährliche Teil ist Schritt zwei: Wer in einem Worker-Container Root-Rechte hat, sieht die Zugangsdaten aller Workflows. Datenbank-Passwörter, API-Schlüssel, Cloud-Tokens — alles, was deine Automatisierung zum Arbeiten braucht.
SO REPARIERST DU DAS JETZT
Die Fixes sind veröffentlicht:
- 1.0.45 für den älteren 1.0er-Zweig
- 1.3.21 für den aktuellen Zweig
Betroffen sind alle Stände davor, also alles bis einschließlich 1.3.20. Bei einer Docker-Compose-Installation genügt in der Regel:
- Das Image-Tag in deiner
docker-compose.ymlauf die gepatchte Version setzen. docker compose pullund anschließenddocker compose up -dausführen.- In der Oberfläche unter „Version“ gegenprüfen, dass wirklich der neue Stand läuft.
Und dann kommt der Teil, den viele auslassen: Schau in die Ausführungs-Historie. Suche nach Workflows, die du nicht angelegt hast, nach Läufen zu absurden Uhrzeiten, nach unbekannten Namespaces. Prüfe die CPU-Auslastung der letzten Wochen — ein Miner hinterlässt dort eine sehr deutliche Spur.
EXTRA-TIPP: Warum Kestra nie am offenen Internet hängen sollte
Diese Lücke ist ein Musterbeispiel dafür, warum Verwaltungsoberflächen nichts im offenen Internet zu suchen haben. Kestra ist eine Automatisierungszentrale — sie kennt naturgemäß die Zugangsdaten zu allem, was sie steuert. Genau solche Dienste gehören hinter einen VPN-Tunnel oder ein Reverse-Proxy-Setup mit vorgelagerter Anmeldung.
Mit dieser Absicherung wäre CVSS 10.0 für dich zu einem Update geworden, das du in Ruhe am Wochenende einspielst — statt zu einem Rennen gegen automatisierte Scanner.
FAZIT: Heute updaten, dann nachschauen
Ein Endungsvergleich statt eines exakten Vergleichs, und eine ganze Automatisierungsplattform steht offen. Update einspielen, Historie prüfen, Zugangsdaten rotieren, wenn irgendetwas komisch aussieht. In dieser Reihenfolge.