#Netzwerk & Sicherheit · 4 Min. Lesezeit · Tim Rinkel

ZUGRIFF! Die Bande hinter den vergifteten Open-Source-Paketen sitzt — zwei Australier in Handschellen

ZUGRIFF! Die Bande hinter den vergifteten Open-Source-Paketen sitzt — zwei Australier in Handschellen

Es ist selten, dass eine Supply-Chain-Kampagne ein Gesicht bekommt. Diesmal schon: Die australische Bundespolizei AFP hat gemeinsam mit dem FBI und der Polizei von Westaustralien zwei Männer festgenommen, die zur Gruppe TeamPCP gehören sollen — jener Bande, die monatelang Schadcode in quelloffene Software geschleust hat.

DIE FESTNAHMEN

Zugegriffen wurde am 26. August. Festgenommen wurden ein 21-Jähriger aus Cottesloe und ein 23-Jähriger aus Mandurah. Am 27. August standen beide vor dem Magistrates Court in Perth.

Der 21-Jährige ist mit acht Anklagepunkten konfrontiert, darunter Besitz und Weitergabe von Daten zur Begehung von Computerdelikten, unbefugte Datenänderung und Umgang mit Erträgen aus Straftaten im Wert von mehr als 100.000 Dollar. Die Höchststrafen reichen von drei bis 20 Jahren Haft. Gegen den 23-Jährigen liegen sechs Anklagepunkte mit bis zu fünf Jahren Höchststrafe vor.

DIE BILANZ: Zahlen, die man sich merkt

Die AFP-Schätzung zur Kampagne liest sich brutal:

  • mehr als 1.000 betroffene Organisationen weltweit — aus Verwaltung, Wissenschaft und Privatwirtschaft
  • über 500.000 gestohlene Zugangsdaten
  • mindestens 300 Gigabyte abgeflossene Daten
  • weltweite Aufräumkosten im dreistelligen Millionenbereich

Die Ermittlungen begannen im April 2026, nachdem mehrere Bedrohungsanalyse-Firmen auf ein Netzwerk hingewiesen hatten, das Schadcode in ein Open-Source-Repository eingeschleust hatte. Entwickler zogen den Code arglos in ihre eigenen Projekte — und trugen ihn damit weiter.

WIE DIE KETTE FUNKTIONIERTE

Besonders lehrreich ist der Dominoeffekt, der im März 2026 die Sicherheitswerkzeuge selbst erwischte. Zugangsdaten aus der Kompromittierung des Schwachstellen-Scanners Trivy (Aqua) wurden Tage später gegen die Actions von Checkmarx KICS eingesetzt. Das KI-Gateway LiteLLM wiederum installierte Trivy in der eigenen Build-Pipeline, ohne die Version festzunageln. Der vergiftete Scanner griff sich daraufhin das Veröffentlichungs-Token des Projekts — und mit dem schob die Gruppe manipulierte LiteLLM-Versionen nach.

Ein Scanner, der Sicherheit prüfen soll, wurde zum Einbruchswerkzeug. Weil eine einzige Zeile keine feste Version enthielt.

Weitere Ziele auf der Liste: GitHub, Telnyx, TanStack, MistralAI und Red Hat. Als Werkzeug diente ein selbstverbreitender Wurm, den die Gruppe Mini Shai-Hulud nannte.

EINE KLARSTELLUNG, DIE WICHTIG IST

Aikido-Forscher Charlie Eriksen betont ausdrücklich, dass TeamPCP nicht hinter dem ursprünglichen Shai-Hulud-Wurm vom Sommer 2025 steckt, der damals über 180 npm-Pakete erwischte. Die Gruppe hat den Wurm nachgebaut — und wurde in der Berichterstattung anschließend regelmäßig mit dem Original verwechselt. Wer hinter den ersten Angriffen stand, ist bis heute unbekannt.

Eriksens Einschätzung zur Gruppe ist bemerkenswert nüchtern: kein Staatsakteur, keine klassische Cybercrime-Organisation, keine reine Ideologie. „They were also not especially sophisticated“, schreibt er. Gefährlich gemacht habe sie etwas anderes — die Fähigkeit, öffentlich verfügbare Exploits und Techniken sehr schnell in einsatzfähige Angriffe zu übersetzen.

WAS DU KONKRET TUN SOLLTEST

Auch im kleinen Homelab hängen heute Dutzende fremder Pakete in Docker-Images und CI-Läufen. Drei Punkte, die wirklich helfen:

  • Versionen pinnen. Kein latest, keine offenen Versionsbereiche in Build-Pipelines. Genau daran ist LiteLLM gescheitert.
  • Tokens rotieren und eng schneiden. Ein Publish-Token, das nur ein Paket veröffentlichen darf, richtet weniger Schaden an als eines mit Vollzugriff.
  • Postinstall-Skripte einschränken. Bei npm etwa mit --ignore-scripts in automatisierten Läufen. Genau dort setzten die Dropper an.

FAZIT

Zwei Festnahmen sind kein Schlussstrich — die AFP schließt weitere Zugriffe ausdrücklich nicht aus, große Datenmengen werden noch ausgewertet. Aber es ist ein seltener Fall, in dem eine Supply-Chain-Kampagne nicht einfach im Nebel verschwindet.

Häufige Fragen

Wer ist TeamPCP?
Eine Cybercrime-Gruppe, der Angriffe auf die Software-Lieferkette zugerechnet werden. Betroffen waren unter anderem GitHub, Telnyx, LiteLLM, Aquas Trivy, Checkmarx KICS, TanStack, MistralAI und Red Hat. Die Gruppe nutzte einen selbstverbreitenden Wurm, um Zugangsdaten zu stehlen und weitere Pakete zu infizieren.
Bin ich als Homelab-Nutzer betroffen?
Direkt eher selten, indirekt durchaus. Wer Docker-Images baut, npm- oder PyPI-Pakete zieht oder CI-Pipelines betreibt, hängt an derselben Lieferkette. Prüfe, ob du in den vergangenen Monaten betroffene Pakete eingebunden hast, und rotiere im Zweifel deine Tokens.
Was war der eigentliche Fehler bei LiteLLM?
Die Build-Pipeline installierte den Trivy-Scanner ohne feste, geprüfte Version. Dadurch zog sie automatisch die manipulierte Fassung. Diese griff das Veröffentlichungs-Token des Projekts ab, mit dem die Angreifer anschließend eigene Releases hochladen konnten.
Ist TeamPCP dasselbe wie Shai-Hulud von 2025?
Nein. Der Aikido-Forscher Charlie Eriksen stellt ausdrücklich klar, dass es keinerlei Hinweise auf eine Verbindung zu den ursprünglichen S1ngularity- und Shai-Hulud-Angriffen gibt. TeamPCP hat den Wurm lediglich nachgebaut. Die Urheber des Originals sind weiterhin unbekannt.

Quellen

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