Während die halbe Softwarewelt KI-Assistenten in jede Seitenleiste presst, hat The Document Foundation am 26. August etwas ausgesprochen Altmodisches veröffentlicht: eine Bürosuite, die besser Text setzen kann.
LibreOffice 26.8 ist da. Und das interessanteste Feature ist eines, das man nicht sieht — sondern liest.
DER ABSATZ-SETZER: WARUM BLOCKSATZ ENDLICH GUT AUSSIEHT
Klassische Textverarbeitungen setzen Blocksatz Zeile für Zeile. Jede Zeile wird für sich passend gemacht. Das Ergebnis kennst du: Sobald ein langes Wort in der Nähe eines Umbruchs steht, wechseln sich gedrängte und luftige Zeilen ab. Im Fachjargon heißt das gierige Umbruchsuche — sie sieht nur die aktuelle Zeile.
Der neue Paragraph Composer in Writer macht es anders. Er betrachtet mehrere Zeilen zusammen und verteilt die Wortabstände über den ganzen Absatz. Ergebnis: ein gleichmäßiges Schriftbild ohne die typischen Löcher. Zusätzlich kannst du eine Obergrenze für den Wortabstand setzen.
Das ist die Art Detail, die niemand in einer Feature-Liste feiert — und die jedes gedruckte Dokument sofort professioneller aussehen lässt.
VARIABLE SCHRIFTEN, NATIV UNTERSTÜTZT
26.8 unterstützt jetzt nativ OpenType-Variable-Fonts. Solche Schriftdateien enthalten viele Varianten in einer einzigen Datei: Strichstärke, Breite, Kontrast und Proportionen lassen sich stufenlos verstellen.
Praktisch heißt das: Du brauchst nicht mehr für jede Schnitt-Variante eine eigene Schriftdatei installiert zu haben. Für alle, die ihre Dokumente typografisch feinjustieren, ist das eine spürbare Erleichterung.
WAS SONST NEU IST
- Schreibrichtung automatisch erkannt: Writer erkennt beim Öffnen oder Einfügen selbst, in welche Richtung ein Absatz läuft.
- Bessere Behandlung von Zeilenumbruch, Objekt-Anfassern, bidirektionalen Formatierungszeichen und vertikalen CJK-Dokumenten.
- Calc: Pivottabellen beherrschen jetzt Calculated Fields — berechnete Felder auf Basis vorhandener Daten. Wer Auswertungen bislang in Hilfsspalten ausgelagert hat, spart sich das.
WARUM VARIABLE SCHRIFTEN MEHR SIND ALS EIN GIMMICK
Ein Beispiel aus dem Alltag: Wer eine Schriftfamilie mit Light, Regular, Medium, Semibold, Bold und Black in je zwei Schnitten nutzt, hat zwölf Dateien installiert. Eine variable Schrift packt dieselbe Bandbreite in eine Datei — und erlaubt zusätzlich Zwischenstufen, die es als fertigen Schnitt gar nicht gibt.
Für dich heißt das: weniger Chaos in der Schriftenverwaltung, kleinere Dokumente beim Einbetten und die Möglichkeit, Überschriften exakt so schwer zu setzen, wie sie sein sollen — statt zwischen zwei vorgegebenen Stufen wählen zu müssen.
DIE ANSAGE ZUR KI
Bemerkenswert ist, was nicht in der Version steckt. Die Ankündigung der Stiftung stellt „professionelle Typografie“ und Unterstützung für die Schriftsysteme der Welt in den Mittelpunkt — und keine generative KI.
Das ist eine Positionierung, kein Versäumnis. Wer eine Bürosuite sucht, die lokal läuft und keine Inhalte an fremde Dienste schickt, bekommt hier genau das.
FÜR WEN SICH DAS UPDATE LOHNT
- Du schreibst längere Texte im Blocksatz. Der Absatz-Setzer allein rechtfertigt das Update.
- Du arbeitest viel mit Schriften. Variable Fonts sparen echte Arbeit.
- Du wertest Tabellen aus. Berechnete Felder in Pivottabellen schließen eine echte Lücke gegenüber Excel.
Für alle anderen gilt der übliche Rat: Die 26.8er-Reihe ist die neue Funktionsversion. Wer maximale Stabilität braucht, bleibt vorerst auf dem älteren Zweig und wartet die ersten Bugfix-Releases ab.
FAZIT: SUBSTANZ STATT SCHLAGZEILE
LibreOffice 26.8 macht nichts, was in einer Keynote gut aussieht. Es macht Blocksatz schöner, Schriften flexibler und Pivottabellen mächtiger. Genau das, was man von einer Bürosuite eigentlich erwartet.