Das ist eine Nachricht, die man zweimal liest: Anthropic sagt, dass Claude Mythos Preview zwei kryptografische Angriffe weitgehend selbst hergeleitet hat. Menschen gaben nur die Richtung vor, stellten Rechenzeit bereit und pruegten das Ergebnis. Den Rest machte die KI. Klingt nach Science-Fiction? Ist aber am 28. Juli offiziell veroeffentlicht worden — mitsamt zwei Fachpapieren und Code zum Nachrechnen.
Wichtig vorweg, damit keine Panik aufkommt: Kein einziges Produktivsystem muss deshalb geaendert werden. Trotzdem ist das ein Meilenstein. Wir erklaeren dir in Ruhe, was da passiert ist.
SCHOCK-MOMENT: Eine versteckte Symmetrie im Gitter
Der erste Angriff zielt auf HAWK — ein gitterbasiertes Signaturverfahren, das im Rennen um die neuen Post-Quanten-Standards des US-Instituts NIST steckt. Die Idee dahinter: Verfahren, die auch ein Quantencomputer nicht knacken kann.
Claude Mythos fand eine bislang ungenutzte Symmetrie im Gitter hinter dem Verfahren. Damit laesst sich die Schluessel-Wiederherstellung auf ein deutlich kleineres Problem zurueckfuehren. Die von Anthropic veroeffentlichte Umsetzung braucht dafuer rund 3 Stunden und 42 Minuten auf einem 96-Kern-Server — und liefert am Ende funktionsfaehiges Signier-Material.
Die Entwarnung: Der oeffentliche Code trifft nur die kleinste Variante HAWK-256 — und die ist ausdruecklich als Uebungsziel gedacht, nicht als echter Sicherheitslevel. Die grossen Parameter HAWK-512 und HAWK-1024 bleiben praktisch unangreifbar. NIST fuehrt HAWK Stand 29. Juli weiter als Runde-3-Kandidaten.
UNGLAUBLICH: Der AES-Angriff wird bis zu 800-mal schneller
Das zweite Ergebnis betrifft AES-128 — den Verschluesselungsstandard, der praktisch ueberall steckt. Aber Achtung: Der Angriff trifft nur 7 der 10 Runden. Solche reduzierten Varianten untersuchen Kryptografen routinemaessig, um zu messen, wie viel Sicherheitspuffer noch bleibt.
Claude entwickelte einen mathematischen Trick, den Anthropic Moebius Bridge nennt. Er streicht einen Rateschritt mit 256 Moeglichkeiten aus einem bestehenden Angriff — und macht ihn dadurch 200- bis 800-mal schneller. Der Haken: Man braucht rund 2 hoch 105 gewaehlte Klartexte. Das ist so weit jenseits jeder Realitaet, dass kein AES der Welt dadurch unsicher wird.
Kurios am Rande: Das Modell weigerte sich zuerst und beharrte darauf, dass man AES nicht verbessern koenne. Erst nach mehreren hartnaeckigen Nachfragen der Forscher suchte es weiter.
EXTRA: Der eigentliche Aufwand war menschlich
Der Modell-Lauf kostete jeweils rund 100.000 US-Dollar an API-Nutzung. Der viel groessere Posten aber war die Verifikation: Zwei Forscher brauchten fast einen Monat, um sicher zu sein, dass die AES-Methode wirklich stimmt. Die Kontrolle war der Flaschenhals — nicht die Ideenfindung.
Fuer dein Homelab aendert sich heute nichts. Deine WireGuard-Tunnel, deine TLS-Zertifikate, deine verschluesselten Backups — alles bleibt so sicher wie gestern. Interessant ist die Richtung: KI wird langsam zum ernstzunehmenden Werkzeug in der Kryptoanalyse. Wir hatten das Thema zuletzt beim KI-gefuehrten Angriff auf Hugging Face.
Haeufige Fragen
Muss ich jetzt meine Verschluesselung umstellen?
Ist AES-128 jetzt gebrochen?
Was ist an dem Ergebnis dann besonders?
Was ist HAWK ueberhaupt?
Quellen: The Hacker News, Anthropic Research.