Es gibt Sicherheitsmeldungen, bei denen du in Ruhe ein Update einspielst. Und es gibt diese hier. CVE-2026-69836 trägt den höchstmöglichen CVSS-Wert 10,0 — und du kannst dagegen genau nichts installieren. Der Grund ist gleichzeitig die Entwarnung und das Problem: Die Lücke steckte nicht auf deinem Server, sondern in Microsofts Cloud.
GEFAHR! Ein Datenpaket, kein Passwort
Technisch geht es um unsichere Deserialisierung (CWE-502). Vereinfacht gesagt: Ein Dienst bekommt ein Datenpaket geschickt, packt es aus und baut daraus wieder Objekte im Arbeitsspeicher — ohne vorher gründlich zu prüfen, was da eigentlich drinsteckt. Ein Angreifer schickt statt harmloser Daten ein präpariertes Paket, und beim Auspacken führt der Dienst fremden Code aus.
Bei Entra ID hieß das laut Microsoft: ohne Anmeldung, ohne Nutzerinteraktion, über das Netz. Kein Klick auf einen Link, keine gestohlenen Zugangsdaten, kein Social Engineering. Das ist der Grund für die glatte 10,0 — schlimmer geht die Skala nicht.
Besonders unangenehm ist die Rolle des betroffenen Dienstes. Entra ID ist Microsofts Identitätsverwaltung: Sie entscheidet, wer sich bei Microsoft 365, Azure und tausenden angebundenen Anwendungen anmelden darf. Ein Identitätsdienst ist kein Bauteil unter vielen — er ist die Instanz, der alle anderen glauben.
SCHOCK: Microsoft bestätigt Angriffe — und schweigt zum Rest
Die Offenlegung erfolgte am 20. August 2026. Microsoft bestätigt, dass die Lücke bereits ausgenutzt wurde. Und damit endet die Auskunft auch schon. Öffentlich ist bislang nicht bekannt:
- wie die Angriffe konkret abliefen,
- seit wann sie laufen,
- ob sie noch andauern,
- wie viele Tenants betroffen waren.
Ich schreibe das bewusst so nüchtern hin, weil daraus gerade viel Spekulation entsteht. Belegt ist der Befund, nicht der Umfang.
KEIN PATCH — und warum das die unangenehmere Nachricht ist
Entra ID läuft als Cloud-Dienst. Microsoft hat den Fehler auf der eigenen Infrastruktur behoben. Es gibt daher keinen KB-Artikel, kein Update-Paket, keine Einstellung, die du umlegen müsstest. Klingt bequem — ist aber der Haken.
Denn bei einer klassischen Lücke lautet die Frage: Habe ich schon gepatcht? Hier lautet sie: Was ist in dem Zeitfenster passiert, bevor gepatcht wurde? Und die kann dir niemand beantworten außer deinen eigenen Protokollen. Wer bei „nichts zu tun“ aufhört zu lesen, überspringt genau den Teil, der zählt.
So prüfst du deinen Tenant — in 4 Schritten
Die folgenden Schritte kosten dich eine halbe Stunde und sind auch dann sinnvoll, wenn am Ende nichts auffällt:
- Anmeldeprotokolle der letzten Wochen auf ungewöhnliche Standorte, Zeiten und Client-Anwendungen durchsehen.
- App-Registrierungen und Dienstprinzipale prüfen: Sind neue Geheimnisse oder Zertifikate hinterlegt, die du nicht selbst angelegt hast? Das ist der klassische Weg, sich Zugriff dauerhaft zu sichern.
- Rollenzuweisungen und erteilte Berechtigungen kontrollieren — vor allem alles, was Richtung globaler Administrator oder Verzeichnis-Leserechte geht.
- Bedingten Zugriff (Conditional Access) gegenprüfen: Sind Regeln entschärft oder Ausnahmen eingetragen worden?
EXTRA-TIPP: Warum dich das auch ohne Entra ID betrifft
Die meisten Leser hier betreiben kein Microsoft-Verzeichnis, sondern Keycloak, Authentik oder Authelia im eigenen Netz. Das Muster ist trotzdem übertragbar: Ein Identitätsdienst ist der lohnendste Angriffspunkt im gesamten Aufbau, weil ein Treffer dort alle dahinterliegenden Anwendungen mitnimmt.
Praktisch heißt das: Deine SSO-Instanz gehört nicht ungeschützt ins offene Internet, sie braucht Updates schneller als jeder andere Dienst, und ihre Protokolle solltest du woanders hin spiegeln — damit sie noch da sind, wenn jemand aufräumt.
Übrigens ist unsichere Deserialisierung kein neuer Trick. Erst am 21. August lief bei uns eine Meldung über genau dieses Muster in Splunks MCP-Server. Ein Fehlertyp aus den frühen 2000ern, der 2026 immer noch die dicksten Türen aufmacht.
FAZIT: Ruhe bewahren, aber hinschauen
Du musst heute nichts installieren. Du solltest aber einmal in deine Protokolle schauen — und dir merken, dass „der Anbieter hat es serverseitig behoben“ nicht dasselbe ist wie „bei mir ist nichts passiert“.
Häufige Fragen
Muss ich als Kunde ein Update einspielen?
Woran erkenne ich, ob mein Tenant betroffen war?
Was bedeutet unsichere Deserialisierung überhaupt?
Bin ich mit Keycloak oder Authentik sicherer?
Quellen
- Help Net Security: Critical Microsoft Entra ID vulnerability exploited in the wild (CVE-2026-69836)
- BleepingComputer: Microsoft warns of max severity Entra ID flaw exploited in attacks
- The Hacker News: Microsoft Entra ID Flaw (CVSS 10.0) Exploited in Wild
- SOCRadar: CVE-2026-69836 — Microsoft Entra ID RCE Exploited