Es ist eine ungewöhnlich konkrete Kampfansage: Am 8. Oktober 2026 hat Anthropic die Cyber Mission vorgestellt — ein Bündel aus Geld, Claude-Modellen und Industriepartnern, das zwei Dauerbrenner der IT-Sicherheit gleichzeitig angreifen soll. Stromnetze und Wasserwerke, die sich nicht einfach für ein Update abschalten lassen. Und Open-Source-Projekte, die quasi das halbe Internet tragen, aber oft nur von wenigen Freiwilligen gepflegt werden.
SCHUTZSCHILD FÜR KRITISCHE INFRASTRUKTUR
Das Critical Infrastructure Defense Program bringt Claudes stärkste Modelle, Ingenieure direkt vor Ort und eigene Bedrohungsanalysen zu Betreibern von Strom-, Wasser- und Verkehrsnetzen sowie Behörden. Der Grund für das eigene Programm: In solchen Anlagen laufen Steuerungssysteme oft jahrelang ohne Patch, weil ein Neustart den Betrieb gefährden würde — ein Einfallstor, das ganz normale Firmen-IT so nicht kennt.
Elf Partner sind von Anfang an dabei: Accenture, Booz Allen, CrowdStrike, Deloitte, Dragos, Hitachi, Insane Cyber, Nozomi Networks, Palo Alto Networks, PwC und Rockwell Automation. CrowdStrike begründet den Schritt damit, dass Infrastruktur, die mit maschinentempo-schnellen Angriffen konfrontiert ist, auch eine ebenso schnelle Verteidigung braucht. Palo Alto Networks wiederum kombiniert die eigene Bedrohungsanalyse der Einheit Unit 42 direkt mit Anthropics Modellen.
KOSTENLOSER WÄCHTER FÜR OPEN SOURCE
Der zweite Baustein heißt OSS Scanner und ist für Maintainer quelloffener Projekte komplett kostenlos. Das Modell Claude Mythos durchsucht den Code regelmäßig nach Lücken und liefert nicht nur einen Fund, sondern direkt einen Reproduktionsweg, eine Erklärung per Bisection-Analyse und einen Patch-Vorschlag. Damit Maintainer schneller reagieren können, verschickt Anthropic die Berichte bewusst ohne vorherige menschliche Prüfung.
Ob das funktioniert, zeigen die eigenen Zahlen: In sechs Monaten flaggte der Scanner über 29.000 Kandidaten-Schwachstellen, rund 5.000 ungeprüfte Berichte gingen direkt an Maintainer. Bei einer Stichprobe von 97 Funden aus 48 Projekten erfüllten 85 — also 88 Prozent — die Kriterien für eine echte Offenlegung. Anthropic rechnet mit einer Trefferquote von über 90 Prozent.
Reaktionen von Maintainern bestätigen das: wolfSSL erhielt 74 Berichte, von denen alle außer zweien zutrafen — fünf davon wurden zu offiziellen CVEs. PostgreSQL-Entwickler Noah Misch beschreibt einen überdurchschnittlich hohen Anteil echter Fehler unter den Funden. Und OpenSSL-Vertreter Anton Arapov sagt, die Berichte seien genauso gut oder besser als das, was man sonst von menschlichen Einsendern bekommt.
WER MITMACHEN KANN — UND WAS ES KOSTET
Maintainer bewerben sich mit einem Pull-Request im oss-scanner-Repository auf GitHub. Aufgenommen wird nach Kriterien, die an das bekannte OSS-Fuzz-Programm erinnern: Vor allem Projekte mit Relevanz für kritische Infrastruktur haben gute Chancen. Finanziert wird das Ganze über den im August gestarteten Defender Advantage Fund sowie direkte Spenden — darunter 2,5 Millionen Dollar an Alpha-Omega und OpenSSF über die Linux Foundation und 1,5 Millionen Dollar an die Apache Software Foundation. Insgesamt stellt Anthropic bis zu 100 Millionen Dollar an Nutzungsguthaben für Claude Mythos Preview in Aussicht.
EINORDNUNG: Mehr als nur ein neuer Name
Die Cyber Mission baut auf dem im April 2026 gestarteten Project Glasswing auf, das Anthropic erst zwei Tage zuvor — am 6. Oktober — in das erweiterte Cyber Verification Program überführt hatte (dort bekommen geprüfte Sicherheitsprofis mit abgestuften Zugriffsrechten Zugang zu schärferen Modellversionen). Während dieses Programm auf Pentester und Red Teams zielt, richtet sich die Cyber Mission an Infrastrukturbetreiber und Open-Source-Maintainer — zwei unterschiedliche Zielgruppen, keine Dopplung. Anthropic selbst rechnet damit, dass KI-Werkzeuge binnen zwei Jahren der Verteidigung einen echten Vorteil gegenüber Angreifern verschaffen, und will das Programm in den kommenden Monaten auf weitere Branchen und Partner ausweiten.
FAZIT: Zahlen statt nur Ankündigung
Viele KI-Sicherheitsversprechen bleiben vage. Hier liefert Anthropic konkrete Zahlen: elf Partner, ein zweistelliger Millionenbetrag an Spenden, fast 30.000 geprüfte Funde — und Maintainer großer Projekte, die öffentlich bestätigen, dass die Berichte etwas taugen. Ob das Programm tatsächlich mehr Lücken schließt, als neue durch KI-generierten Code entstehen, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.