Das Wichtigste in Kürze
- Das französisch-amerikanische Startup Minitap wirft Google vor, Code aus seinem Open-Source-Projekt mobile-use in Googles Projekt Artemis übernommen zu haben — ohne Hinweis auf die Herkunft.
- Laut einer kursierenden Auswertung sollen 228 von 229 Dateien übereinstimmen; Minitap selbst belegt in seinem Blogbeitrag vom 11. September 2026 mehrere identische Stellen.
- Besonders heikel: In einer älteren Datei standen drei Minitap-Namen, die per Force Push durch einen anderen Autor ersetzt wurden.
- Der Code steht unter Apache 2.0 — die Lizenz erlaubt die Weiterverwendung, verlangt aber das Erhalten von Urheber- und Hinweisangaben.
SCHOCK im Büro: „Das haben wir geschrieben“
Nicolas Dehandschoewercker, Mitgründer von Minitap, beschreibt den Moment in seinem Blogbeitrag ziemlich unverblümt. Das Team habe gehört, dass Google ein Projekt zur Automatisierung von Mobilgeräten veröffentlicht hat, das Repository geöffnet — und den eigenen Code erkannt.
Minitap hatte mobile-use als offenes Forschungsprojekt gestartet: KI-Agenten, die ein Smartphone bedienen. Später wechselte die Firma auf eine geschlossene Nachfolgeversion. Der offene Stand blieb im Netz — mit Apache-2.0-Lizenz.
Was Minitap konkret vorlegt
Der Beitrag nennt nicht nur ein diffuses Gefühl, sondern überprüfbare Einzelbelege:
- Teile des Codes zur Verbindung mit Android-Geräten stimmen laut Minitap exakt überein.
- Die Anweisungen des Agenten Hopper seien wortgleich. Den Namen habe ein Entwickler in Anlehnung an Minecraft gewählt — ein Zufallsname, der schwer unabhängig doppelt entsteht.
- Ein Beispiel für WhatsApp-Automatisierung enthalte dieselbe Aufgabe mit denselben Beispielnamen, denselben Kommentaren und denselben Aufräumschritten.
- Ältere Stände teilten sogar denselben Fehler: Eine Hilfsfunktion schrieb eine Ergebnisdatei und scheiterte beim nächsten Lauf daran, die eigene Ausgabe zu lesen.
Der geteilte Fehler ist dabei das stärkste Argument. Gleiche Funktionen kann man unabhängig bauen. Denselben Bug baut man nicht zweimal zufällig.
GEFAHR für die Nachvollziehbarkeit: die verschwundenen Namen
Der zweite Vorwurf wiegt schwerer als der erste. In einer früheren Paketdatei von Artemis standen laut Minitap die Namen Pierre-Louis Favreau, Jean-Pierre Lo und Nicolas Dehandschoewercker. Die nachfolgende Version habe alle drei entfernt und durch einen anderen Autor ersetzt — als einzige Änderung an der Datei.
Laut Minitap zeigt der Aktivitätsverlauf, dass dies im August über einen Force Push geschah, also lange vor der Untersuchung im September.
Wichtig für die Einordnung: Das ist Minitaps Darstellung, belegt mit Verweisen auf archivierte Dateien. Eine Bewertung, ob hier Absicht oder ein automatisierter Bereinigungsschritt vorlag, ist von außen nicht möglich — und Minitap selbst erhebt dazu keine abschließende Behauptung.
Was Apache 2.0 wirklich verlangt
Viele glauben, „Open Source“ heiße „kann man einfach nehmen“. Das stimmt fast — aber eben nur fast.
Apache 2.0 erlaubt ausdrücklich, den Code zu kopieren, zu verändern, weiterzugeben und sogar kommerziell zu verkaufen. Im Gegenzug verlangt Abschnitt 4 unter anderem, die vorhandenen Urheber- und Hinweisangaben zu erhalten und Änderungen kenntlich zu machen. Liegt eine NOTICE-Datei bei, sind deren Angaben weiterzureichen.
Übersetzt: Nehmen ja, Herkunft verschweigen nein.
Wie Google reagiert hat
Minitap hat Google kontaktiert und zusätzlich ein öffentliches Issue im Artemis-Repository eröffnet. Nach der Berichterstattung ergänzte Google im Repository einen Hinweis, dass Teile des Projekts von Minitap entwickelten Quellcode enthalten. Eine ausführliche Stellungnahme zum Vorgang mit den Autorennamen ist bislang nicht bekannt.
EXTRA-TIPP: Was du für eigene Projekte lernst
Wenn du Code veröffentlichst oder fremden Code einbaust, kosten drei Gewohnheiten fast nichts und ersparen später viel Ärger:
- Forken statt kopieren. Ein Fork zeigt die Herkunft automatisch.
- LICENSE und NOTICE mitnehmen. Die Dateien gehören zum Code, nicht zur Dekoration.
- Im README sagen, was von wem stammt. Ein Absatz reicht — und er macht das eigene Werk erst sichtbar.
FAZIT: Ein Präzedenzfall mit Signalwirkung
Der Streit ist juristisch überschaubar und trotzdem bedeutsam. Open Source funktioniert, weil Menschen bereit sind, ihre Arbeit herzugeben. Wenn Maintainer ihrer eigenen Namensnennung hinterherlaufen müssen, sinkt genau diese Bereitschaft. Dass hier ein kleines Team gegen einen Konzern die besseren Belege vorlegt, ist die eigentliche Pointe.
Häufige Fragen
Darf man Apache-2.0-Code einfach übernehmen?
Ja, auch kommerziell. Die Lizenz verlangt aber, Urheber- und Hinweisangaben zu erhalten, den Lizenztext mitzuliefern und Änderungen kenntlich zu machen. Fehlt das, ist die Nutzung nicht mehr lizenzkonform.
Was ist ein Force Push?
Ein Git-Befehl, der die Versionsgeschichte eines Zweigs überschreibt statt sie fortzuschreiben. Damit lassen sich frühere Stände ersetzen. Alte Versionen bleiben oft trotzdem auffindbar — genau darüber kam Minitap an seine Belege.
Ist damit bewiesen, dass Google abgeschrieben hat?
Bewiesen im juristischen Sinn ist nichts. Belegt sind identische Codestellen, ein wortgleicher Prompt, ein geteilter Fehler und ein Autorenwechsel in einer Datei. Google hat inzwischen einen Hinweis auf Minitap ergänzt.
Was hat das mit meinem Homelab zu tun?
Mehr, als es scheint. Wer Container-Images, Skripte oder Konfigurationen weitergibt, gibt Lizenzpflichten mit weiter. Herkunftsangaben zu erhalten ist die einfachste Form, das sauber zu halten.
Quellen
- Minitap-Blog (Nicolas Dehandschoewercker): I expected better from Google, 11.09.2026
- GitHub: google/artemis, Issue 40 „Missing attribution to mobile-use and its contributors“
- dev.ua und Neowin: Berichte zum Attributionsstreit, September 2026