Ein Vorwurf mit ordentlich Sprengkraft: Der chinesische Kanal Yuyuan Tantian, ein Konto mit Verbindungen zum Staatssender CCTV, hat am 19. September 2026 einen langen Beitrag veröffentlicht. Titel, sinngemäß übersetzt: „Dreizehn Änderungen der Nutzer-Datenschutzrichtlinie in drei Jahren — Anthropic übergibt globale Nutzerdaten an die USA“. Was ist an dem Vorwurf dran — und was ist politisches Kalkül?
DER KERN DES VORWURFS: Drei Entwicklungsstufen
Der Beitrag zeichnet laut Berichterstattung drei Phasen nach, in denen sich Anthropics Datenschutzpolitik verschoben haben soll:
- Grenzüberschreitende Übertragung: Regelungen, die Daten von Nutzern aus Kanada, Brasilien, Südkorea und der Europäischen Union in die USA übertragen.
- Mehr Datenquellen: Die Zahl der Kategorien, aus denen Anthropic Nutzerdaten sammelt und verwendet, wuchs zwischen Juni 2024 und September 2025 von drei auf sechs — dazu kamen Änderungen an den Regeln zur Nutzung von Nutzerdaten fürs Modelltraining.
- Direktere Verbindung zu US-Geheimdiensten: Der schwerwiegendste Vorwurf. Anthropic hatte im Februar 2026 selbst einen Bericht veröffentlicht, wonach chinesische Firmen Claude für sogenanntes Modell-„Distillation“ missbraucht hätten — und erklärt, entsprechende technische Indikatoren mit Geheimdiensten zu teilen.
Der TV-Beitrag rahmt diese dreizehn Änderungen als Belege dafür, dass Nutzerdaten ohne rechtliches Verfahren an US-Geheimdienste weitergegeben werden könnten, sobald Anthropic dies für nötig hält.
FAIR BLEIBEN: Was belegt ist — und was nicht
Belegt ist: Anthropic hat seine Datenschutzerklärung tatsächlich mehrfach überarbeitet, unter anderem im August 2026 mit einer Ankündigung zur Datenspeicherung, die nach Kundenrückmeldungen im September nochmals angepasst wurde. Die Ausweitung der Datenquellen zwischen 2024 und 2025 lässt sich anhand der veröffentlichten Richtlinien-Versionen nachvollziehen. Auch der Bericht zu chinesischer Modell-„Distillation“ vom Februar 2026 ist real und öffentlich einsehbar.
Nicht belegt ist: dass Anthropic Nutzerdaten routinemäßig ohne rechtliches Verfahren an US-Geheimdienste weiterreicht. Der Bericht vom Februar sprach von technischen Indikatoren im Zusammenhang mit mutmaßlichem Modell-Missbrauch — das ist etwas anderes als ein pauschaler Datenzugriff auf alle Nutzergespräche. Diesen Unterschied verwischt der TV-Beitrag bewusst.
Wichtig für die Einordnung: Die Beziehung zwischen Anthropic und China ist seit Monaten angespannt. Erst im Juli 2026 hatte China vor angeblichen Hintertüren in Claude Code gewarnt, Anthropic wiederum wirft chinesischen Anbietern seit Sommer offen Modell-Diebstahl vor. Beide Seiten führen diesen Streit inzwischen auch über die eigenen Staatsmedien beziehungsweise die eigene Presseabteilung — ein Politik-Schlagabtausch, kein unabhängiger Untersuchungsbericht.
WARUM DAS TROTZDEM WICHTIG IST
Auch ohne den geheimdienstlichen Zuspitzungsvorwurf bleibt ein Kern übrig, der jeden Claude-Nutzer angeht: Dreizehn Richtlinien-Änderungen in drei Jahren sind objektiv viel. Wer Claude beruflich oder mit sensiblen Daten nutzt, sollte nicht auf einen chinesischen Staatssender warten, um die eigene Datenschutzerklärung zu kennen — sondern sie selbst regelmäßig prüfen. Das gilt im Übrigen für jeden großen KI-Anbieter, nicht nur für Anthropic.
FAZIT: Zwei Wahrheiten gleichzeitig
Der Vorwurf ist Teil eines geopolitischen Schlagabtauschs — und gleichzeitig stimmt die zugrunde liegende Beobachtung, dass sich Anthropics Datenschutzpraxis in kurzer Zeit mehrfach verschoben hat. Wer daraus eine gezielte Geheimdienst-Kooperation gegen einzelne Nutzer ableitet, überzieht die Faktenlage. Wer daraus ableitet, dass sich ein genauerer Blick in die eigene Datenschutzerklärung lohnt, liegt richtig — unabhängig davon, wer diesen Anstoß gegeben hat.