Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Am 9. September setzte das Board von Automattic Gründer Matt Mullenweg als CEO ab — bezahlte Freistellung, Finanzchef Mark Davies übernahm kommissarisch.
- Am 11. September schrieb Mullenweg im firmeneigenen Slack, er habe das Unternehmen wieder unter Kontrolle.
- Automattic hat die Rückkehr bis zuletzt nicht bestätigt. Die Lage ist unübersichtlich und entwickelt sich weiter.
- Für deine eigene WordPress-Installation ändert sich technisch nichts — WordPress.org und der Kern sind davon nicht betroffen.
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Es ist die Sorte Nachricht, bei der man zweimal auf das Datum schaut. Der Mann, der WordPress mitgegründet hat und seit Jahren das Gesicht der größten Open-Source-Software des Webs ist, wurde von seinem eigenen Aufsichtsgremium vor die Tür gesetzt — und stand zwei Tage später offenbar wieder drin. Bestätigt ist bis heute wenig.
MITTWOCH: Das Board stimmt ab
Am 9. September berichteten zunächst 404 Media, dann TechCrunch, dass Automattics Board Matt Mullenweg in eine bezahlte Freistellung geschickt hat. Finanzvorstand Mark Davies wurde übergangsweise zum CEO ernannt. Ein Unternehmenssprecher bestätigte TechCrunch beides.
Mullenweg selbst schilderte den Vorgang seiner Belegschaft per Slack deutlich schärfer: Board-Mitglieder hätten hinter seinem Rücken konspiriert. Er habe die Einladung zur entscheidenden Sitzung erst 50 Minuten vorher erhalten, gegen den Beschluss gestimmt, und seine Bitten um eine unabhängige juristische Prüfung seien abgelehnt worden. Das sind seine Darstellungen — das Board hat weder eine Begründung noch einen Zeitrahmen öffentlich gemacht.
Wichtig für die Einordnung: Mullenweg blieb auch danach Board-Mitglied und behielt die Leitung des Open-Source-Projekts WordPress.org. Es ging um den Chefposten bei Automattic, der Firma hinter WordPress.com — nicht um das Projekt selbst.
FREITAG: „Don’t call it a comeback“
Am Morgen des 11. September tauchte laut TechCrunch eine neue Slack-Nachricht auf. Mullenweg schrieb darin, „the board is back in agreement, and I’m in control of Automattic“ — das Board sei sich wieder einig und er habe die Kontrolle. Dazu setzte er einen Link auf ein Musikvideo von LL Cool J.
TechCrunch bekam die Nachricht als Screenshot und ließ sie sich von zwei Quellen bestätigen. Was danach kam, ist allerdings genau das Gegenteil einer Klarstellung:
- Automattic antwortete auf die Nachfrage, ob die Aussage stimmt, nicht.
- Niemand im Unternehmen hatte nach Angaben von Quellen eine Bestätigung vom Board gehört.
- Der Slack-Account von Interims-CEO Mark Davies war deaktiviert.
- Mullenweg soll zuvor sämtliche Slack-Administratoren entfernt und einen kuriosen Beitrag über Piraten abgesetzt haben.
Mullenweg kündigte gegenüber TechCrunch einen Blogbeitrag an. Die Redaktion markierte den Vorgang ausdrücklich als still developing — laufende Entwicklung.
Der Elefant im Raum: WP Engine
Öffentlich deutete Mullenweg an, die Beteiligungsgesellschaft Silver Lake stecke hinter der Aktion. Silver Lake ist Mehrheitseigner des Hosters WP Engine, mit dem Automattic und Mullenweg seit Längerem einen Rechtsstreit führen. Belege für diese Verbindung sind bislang nicht öffentlich. Es ist eine Vermutung des Betroffenen, keine Feststellung.
Was heißt das für DEINE Seite?
Kurze Antwort: erst einmal nichts. Der WordPress-Kern, die Plugins, die Updates — all das läuft über WordPress.org und die Community, nicht über den Schreibtisch eines CEOs. Deine Installation merkt von dem Machtkampf nichts.
Die längere Antwort ist unbequemer. Der Vorgang führt vor Augen, wie sehr das größte Open-Source-Projekt des Webs an Personen und Firmenstrukturen hängt. Wer seine Inhalte ernst nimmt, zieht daraus zwei nüchterne Schlüsse:
1. Eigene Exporte, regelmäßig. Datenbank plus wp-content, automatisiert, an einen Ort, der nicht demselben Anbieter gehört. Das ist kein Misstrauensvotum gegen irgendwen, das ist Handwerk.
2. Wissen, wo deine Seite steht. Wer auf einer verwalteten Plattform sitzt, ist von deren Entscheidungen abhängig. Wer selbst hostet, hat mehr Arbeit, aber die Kontrolle. Ein kleiner Server bei einem europäischen Anbieter reicht für einen Blog locker aus — etwa bei Hetzner Cloud*, wo ein WordPress-taugliches Modell im Bereich weniger Euro im Monat startet.
FAZIT: Abwarten und sichern
Wer gerade eine klare Antwort darauf sucht, wer Automattic führt, wird sie heute nicht finden. Das Unternehmen schweigt, der Gründer postet, das Board sagt nichts. Seriös lässt sich nur festhalten: Es ist unklar. Und das ist ein guter Anlass, das eigene Backup zu prüfen — das funktioniert unabhängig davon, wer in Kalifornien gerade den Chefsessel besetzt.
Häufige Fragen
Ist WordPress jetzt in Gefahr?
Nein. Es geht um die Führung der Firma Automattic, nicht um die Software. Der WordPress-Kern wird über das Projekt WordPress.org und die Community weiterentwickelt.
Ist Mullenweg nun CEO oder nicht?
Das ist offen. Er selbst sagt ja, das Unternehmen hat es nicht bestätigt, das Board hat sich nicht öffentlich geäußert. Bis dahin gilt: unklar.
Muss ich meine Seite jetzt umziehen?
Nein, es gibt keinen technischen Anlass. Ein aktuelles, anbieterunabhängiges Backup ist trotzdem immer sinnvoll.
Was hat WP Engine damit zu tun?
Mullenweg deutete öffentlich eine Beteiligung von Silver Lake an, dem Mehrheitseigner von WP Engine. Belege dafür sind bislang nicht öffentlich — es bleibt eine Vermutung.